Baja California / Mexiko, Juni 2010

"No Guns - No Jokes!"

Dirtroad to PSC
Dirtroad to PSC

Dieser deutlichen Warnung begegnet man, sobald man amerikanischen Boden betreten hat und auf dem Weg zur Passkontrolle ist. Der Humor scheint den Amerikanern seit dem 11. September abhanden gekommen zu sein. Dabei waren wir eigentlich zum Spaß nach San Diego geflogen. Genauer gesagt, um viel Spaß zu haben. Nicht in San Diego, sondern vielmehr in der Punta San Carlos, Baja California, Mexico. Nachdem wir 1999 die Bilder des dort abgehaltenen PWA Worldcups gesehen hatten, stand dieser Spot auf unserer „To-Surf“-Liste, aber manchmal dauert die Umsetzung von Träumen ein wenig. Vor allem da uns ein isländischer Vulkan in die Quere kam und unseren ersten Versuch des Fluges nach San Diego in einer Aschewolke erstickte.

Hinzu kommt, dass es sich bei der Punta San Carlos um einen Spot handelt, der nicht ganz so einfach zu erreichen ist. Man kann hier nicht gerade von einem vom Massentourismus überlaufenen Spot sprechen. Aber genau das hat seinen Reiz; für uns ist es Grund genug nach einem kurzen Stop in San Diego mit einem vollgepackten 4wd die Grenze in Tijuanha zu passieren und auf dem Highway 1 durch die Mexikanische Baja Richtung Süden zu rollen. Nach 5 Stunden kündigte unsere Wegbeschreibung die Abfahrt auf eine Dirtroad an, mit dem Hinweis sich im letzten Ort noch ein Bier für die langsame Fahrt auf der Schotterpiste zu besorgen. An der Theke der einzigen Kneipe in Rosarito wurden wir Gringos gefragt, wohin es gehen sollte. Auf die Antwort „nach Punta San Carlos“ kam nur der Hinweis; ein Bier sei da nicht genug...

SoloSports Camp in PSC
SoloSports Camp in PSC

Spätestens nach der ersten staubigen Stunde auf der Schotterpiste wussten wir, dass der Wirt Recht gehabt hatte - eine ganze Kiste wäre angemessener gewesen. Dafür war die Landschaft um uns herum wirklich beeindruckend, zwischen Marslandschaft und Western-Idylle schwankend. Riesige Kakteen, Hochplateaus, und dazwischen viel Nichts. Nach genau 59km und knapp 2 Stunden Geruckel war dann auch der Ozean zu sehen und nach einem weiteren rütteligem Kilometer tauchte das Solosports Camp wie eine Oase vor uns auf. Ohne Palmen zwar, aber dafür mit einem großen Vorrat an gekühlten Getränken, Teppichboden für verwöhnte Surferfüße sowie einer kleinen Zeltstadt direkt an einem der Breaks. In Punta San Carlos kriegt das Motto mancher Surfstationen „vom Bett aufs Brett“ eine ganz neue Bedeutung. Bereits beim Aufwachen hört man die Wellen brechen.

Apropos, ein Wort zu den Wellen sollte man vielleicht noch verlieren. Denn den Weg um den halben Globus hatten wir ja nicht alleine wegen des Tequilas oder der Kakteen angetreten. Sondern wegen der Bilder, die seit des Worldcups 1992 in unseren Köpfen spukten. Endlose Wellen, mit geradezu mythischen Namen wie Chilibowl und Bomborra. Vieles hat sich seit 1992 in der Welt verändert. Wenig dagegen in Punta San Carlos, oder abgekürzt PSC (so auch das aus gebleichten Steinen auf der Schotterlandepiste gelegte internationale Flughafenkürzel). Denn abgesehen von dem etwas moderneren Material auf dem Wasser hat sich weder an der Szenerie noch der Qualität der Wellen etwas geändert, sie sind immer noch lang, ewig lang und sauber.

Anders als in vielen Surfstationen rund um den Globus ist in PSC keine Hektik geboten, wenn es darum geht, Wellen zu erwischen. Selbst zu den Peak-Zeiten waren mehr als genug Wellen da, um ein völlig entspanntes Nebeneinander von Windsurfern, Kitern, Surfen und Standup-Paddlern zu ermöglichen.

Damit sind bereits einige Punkte des umfangreichen Alternativprogramms in PSC genannt; Surfen, SUPen oder als trockene, wenngleich staubige Alternative Mountainbiken auf den durch das Hinterland gelegten Trails, mit so bezeichnenden Namen Rattlesnake Trail oder Snake Run. Dies sind wirklich abgefahrene Strecken durch menschenleere Landschaft, entweder alleine oder mit Guide und Klapperschlangen, die wirklich klappern. 

Die Begegnungen mit Schlangen beschränkten sich allerdings nicht auf die MTB-Touren. Ab und an musste auch mal eine Schlange von der Bar des Camps entfernt werden, wahrscheinlich war auch sie von der reichlich vorhandenen Getränkeauswahl angelockt worden. Zumindest blieben die zahlreichen Seelöwen in den Wellen, die Wale im Wasser, die Pelikane im Gleitflug entlang der Wellen in ihrem Revier, und beäugten allenfalls neugierig unser Treiben im Wasser.

Da pendelte sich schnell ein gewisser Rhythmus ein. Nach den abendlichen Ritualen an der Bar mit dem traditionellen Baja Fog, einer Mischung aus Corona und Tequila, den gemurmelten Worten „Fog you, you fogging fog!“ verschwand der morgendliche Nebel tatsächlich im Laufe des Vormittags, so das der Wind einsetzen konnte. Kein Wunder, das in machen Gesprächen Fragen aufkamen wie; „Was für ein Tag ist heute?“ „Tacos oder Nachos heute Abend?“ Morgen früh erst Mountainbiken oder direkt StandUp-Paddeln?“

Es gibt sie also doch noch, die Orte ohne Hektik, ohne Termine, ohne Informationsüberfluss. Orte an denen man sich auf das Wesentliche konzentriert - auf gute Gespräche, Windsurfen, die Natur - an denen man ruhiger wird und bewusster genießt. Bis man sich fühlt, als sei man auf einem anderen Planeten.

Nur irgendwann mussten wir uns auch wieder auf den Rückweg machen. Nach 8 Stunden Fahrt durch Mexico erreichten wir unbehelligt von Militärkontrollen und Drogenbaronen die Grenze zu den USA und wurden angesichts der Autoschlangen und hektischer Leute vor den Schlagbäumen gleich wieder in die Realität zurückgeholt, oder vielmehr zurück auf die Erde. Spätestens als wir vor dem Schild mit - ohne Scherz - folgender Aufschrift standen:

"Aliens, please present your identification!"

Willkommen zurück in der Wirklichkeit… 

How to get there:

Ab Deutschland mit eigenem Surfgepäck am Besten ab Frankfurt. Die meisten Transatlantikflüge starten hier und Zubringerflüge innerhalb Deutschlands nehmen meist kein Windsurfgepäck mit. Ab dann führen viele Wege nach San Diego, etwa mit US Airways via Philadelphia (www.us-airways.com). Es lohnt sich in jedem Fall, die amerikanischen Airlines zu checken, da die Flugpreise teilweise deutlich günstiger sind als bei den europäischen Airlines. US Airways hat zudem akzeptable Konditionen für die Mitnahme von Windsurfmaterial (100 US-$ je Strecke je Bag).

Ab San Diego gibt es 3 Optionen: 1) Man stimmt die Reise genau mit dem SoloSports-Van ab und lässt sich ab San Diego mitnehmen. Der Van fährt alle 14 Tage Samstags am Vormittag und bringt auch die neuen Vorräte ins Camp. Eine Woche später fährt der Van samstags wieder zurück. Nachteil: das Timing mit den Flugverbindungen muss genau stimmen. 2) Eigener Mietwagen. Ein Jeep, SUV o.ä. macht schon Sinn, vor allem für die letzten 1,5 Stunden auf der Dirtroad. Eine mexikanische Versicherung ist für die gesamte Zeit notwendig, was den Mietwagen deutlich verteuert (ca. 25 US-$ je Tag). Nachteil: Man benötigt in San Carlos eigentlich kein Auto. Alternative Spots gibt es in der näheren Umgebung nicht. Vorteil: Der Transport des eigenen Materials funktioniert so recht einfach und unkompliziert. 3) Anreise per Sportflieger. SoloSports organisiert die Anreise mit einer kleinen Sportmaschine ab San Diego. Der Trip kostet ca. 300 US-$ one way. Allerdings ist die Materialmitnahme bei dieser Option nicht möglich. 

Where to stay:

In PSC gibt es nur zwei Optionen: Entweder man reist mit dem Van an, schlägt komplett auf eigene Faust sein Camp auf und zahlt dafür 5,- US-$ pro Tag Platzmiete. In diesem Fall muss man aber wirklich alles mitbringen, denn vor Ort gibt es im Umkreis von 2 Stunden nichts! Vor allem das Frischwasser anzuschleppen ist natürlich aufwendig.

Alternativ und wesentlich unkomplizierter ist „Luxus-Camping“ mit Solosports, www.solosports.net. Wir können diese Variante nur empfehlen! Das Camp hat unsere Erwartungen an ein einfaches Zeltcamp mehrfach übertroffen. Man schläft in kleinen 1-2 Mann Zelten, Schlafsäcke und Matratzen werden gestellt. Die Verpflegung und der Komfort im Camp sind unglaublich gut - alle Arten von Drinks, 3 leckere mexikanische Mahlzeiten je Tag, eine eigene kleine Bar samt Barkeeper, ein Aufenthaltsraum mit Pooltisch, Kicker, Dartscheibe, Fernseher für DVD's, Internetzugang via Satellit, Frischwasser, 1 heiße Dusche je Person je Tag und vor allem: Jede Menge Spielzeug! In der Station gibt es tonnenweise sehr gut gepflegtes Windsurfmaterial (Ezzy-Sails, Goya und RRD Boards, dazu eine ganze Wand voller Wellenreiter (Minimalibus und größer), einige SUP-Boards, sehr gute Full-Suspension-Mountainbikes, .... just pick any and enjoy! Wenn man keine ganz speziellen Anforderungen hat und unbedingt sein eigenes Zeug mitnehmen muss, kann man mit dem Leihmaterial wirklich sehr gut leben. Alles wird super gepflegt und gewartet, Reparaturen werden vor Ort durchgeführt, und die Auswahl ist einfach riesig. Das Windsurfmaterial wird nicht jedes Jahr komplett ausgetauscht, aber alles ins ausnahmslos in einem sehr guten Zustand. Der All-inclusive-Urlaub hat seinen Preis (ca. 150 US-$ je Tag), aber hier ist dann auch wirklich alles enthalten - Leihmaterial, Übernachtung, Verpflegung, Drinks, ... Vor Ort gibt braucht man nur noch etwas Trinkgeld vor der Abreise, wenn man will, aber bei der netten All-inclusive-Versorgung will man!