Brasilien, November 2010

Sao Miguel do Gostoso

Sao Miguel do Gostoso... schon der Name klingt wie Musik in meinen Ohren - und das um so mehr, als er nicht so vertraut klingt wie die Namen einiger andere Brasilianischer Windsurfspots, die in den letzten Jahren so sehr in Mode gekommen sind. Jericoacoara, Icaraizinho, Flecheiras… All diese Orte bieten sicherlich tolle Bedingungen, sind aber zumindest zur Hauptsaison auf dem Wasser schon sehr voll. Dennoch ist es sicherlich ein großer Traum vieler Windsurfer, einmal einen der Brasilianischen Spots live zu erleben, bieten Sie doch während der kalten Wintermonate in Europa neben einer unglaublich hohen Windwahrscheinlichkeit Temperaturen um 30°C – und das sowohl in der Luft als auch im Wasser. Surfen in Shorts ist somit nicht nur möglich, sondern ziemlich alternativlos. Jedes Stückchen Neopren am Körper führt dazu, dass einem zu warm wird und jedes Kleidungsstück mehr als T-Shirt und Boardshorts lässt einem tagsüber den Schweiß geradezu in Strömen über den Rücken fließen. Was für eine traumhaft schöne Vorstellung bei -4°C, Eisschollen an den Ostseestränden und zugefrorenen Binnengewässern...  

Da ich eine echte Abneigung gegen Massentourismus und überfüllte Spots habe und gerne möglichst ursprüngliche Orte als Windsurfziele besuche, war meine Neugierde sofort geweckt, als ich erste Bilder von dem kleinen neuen Windsurfparadies sah. Sao Miguel do Gostoso liegt ungefähr 800km östlich von Jericoacoara, nur ca. 100km von Natal entfernt und somit dicht am nordöstlichsten Zipfel von Brasilien. Sobald man aus dem Flieger aussteigt, beginnt der Urlaub: Palmen wehen im Wind und man fühlt sich im ersten Moment, als ob einem ein warmer Föhn direkt ins Gesicht gehalten wird. Die Temperaturen sind ein absoluter Hammer, selbst spät in der Nacht ist es in Shirt und Shorts immer warm genug, tagsüber ist es im Windschatten in der Sonne mit T-shirt teilweise kaum auszuhalten. Die richtige Erfüllung erlebt man aber, wenn man das erste mal nur mit Shorts und Lycra aufs Wasser geht – gerade noch im Trockenanzug auf der eiskalten Ostsee, wenig später in Shorts mitten im Atlantik, fühlt man sich wie in einem Traum. Das Wasser ist in etwa genau so warm wie die Luft und beim ersten Abgang möchte man jauchzen vor Glück. Man könnte fast denken, in einen Whirlpool zu fallen, so warm und kuschelig fühlt sich der Ozean an. Selbst absolute Frostbeulen können ganz beruhigt den Neo zuhause lassen – hier ist er vollkommen fehl am Platz...  

In Sao Miguel do Gostoso scheint die Zeit vor vielen Jahren stehengeblieben zu sein. Wenn man gerade aus einer der europäischen Metropolen kommt, fühlt man sich ein kleines bisschen wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Das kleine Örtchen strahlt eine unglaublich Idylle aus – Hektik sucht man hier vergebens. Die Menschen in Gostoso scheinen sehr glücklich zu sein mit dem was sie haben, auch wenn das in aller Regel nicht besonders viel ist. Zwar sieht man hier keine Slums und keine extreme Armut wie in den Favelas der großen brasilianischen Städte und jeder hat zumindest ein festes Dach über dem Kopf, aber die Menschen leben hier doch sehr einfach. Vielfach bestimmt die Fischerei den Tagesablauf der Einheimischen und auch die Viehhaltung in sehr kleinem Stil ist hier noch weit verbreitet. Immer wieder begegnet man Ochsenkarren, die tatsächlich noch als Arbeitsgerät eingesetzt werden, sieht Hühner und andere Tiere vor und in den Häusern und kann die Fischer beim Flicken ihrer Netze beobachten. Man fühlt sich fast wie in einer anderen Welt.  

Einige Spuren hat der aufkommende Tourismus natürlich inzwischen hinterlassen. Postkarten und anderes Touri-Zeugs sucht man zwar immer noch vergebens und der einzige Geldautomat des Ortes ist oftmals einfach leer. Entlang der Hauptstraße gibt es aber mittlerweile einige kleine Geschäfte, Supermärkte und vor allem recht viele kleinere Restaurants. In den seltensten Fällen allerdings gehören diese auch den Brasilianern – die Nutznießer des Tourismus sind zumeist Ausländer, vielfach Portugiesen, die in Brasilien keinerlei Verständigungsprobleme haben und sich somit leicht hier niederlassen können. Entsprechend ist das Preisniveau in Gostoso erstaunlich hoch, fast wie in Deutschland. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass das Essen in ausnahmslos allen Restaurants sehr gut und lecker ist. Von Fleisch über Pasta und Pizza bis hin zu gebratenen Hühnchen (sehr preiswert) bekommt man alles und alles in wirklich toller Qualität. Ein absolutes Highlight sind dazu die brasilianischen Fruchtsäfte, die wirklich zu 100% aus frischen Früchten bestehen, immer frisch gemixt werden und unvorstellbar aromatisch schmecken.  

Sao Miguel do Gostoso liegt in dem Bundesstaat Rio Grande do Norte. Dieser hat rund 410 km feinsten Sandstrand, Palmen und Lagunen. Lange Strandabschnitte sind hier noch vollkommen einsam und höchstens von Fischern besiedelt. In der Bucht von Gostoso gibt es bisher nur 2 Windsurfcenter, ca. 1 km voneinander entfernt. Das ältere von beiden „Dr. Wind“ wird von Paolo Migliorini geführt und lässt kaum einen Wunsch offen. Hier findet sich bestes Pryde & RRD-Material in sehr gutem Zustand, es gibt eine fantastische Beachbar (Tipp: frische Fruchtsäfte, vor allem Apacaxi-Saft (süße Ananas) und Coco Verde (grüne Kokosnuss)), Rasen zum Aufriggen, eine Süßwasserdusche, …Im Oktober 2010 hat Keauli Seadi eine zweite Station eröffnet, etwas weiter in Lee. Mit JP und NeilPryde Material ausgestattet, bietet auch diese Station alles, was man sich wünschen kann. Einziges Manko: Bisher gibt es in Gostoso kein gut organisiertes Rettungssystem. Wenn jemand abhanden kommt, werden die Fischer zu Hilfe geholt. Einen Jetski oder ein kleines Motorböotchen sucht man an beiden Stationen bisher vergebens. Glücklicherweise ist das Revier relativ harmlos, so dass bisher jeder wieder an Land gekommen ist...  

Die Bedingungen auf dem Wasser lassen fast jedes Surferherz höher schlagen. Gostoso ist ein echtes Kombi-Revier. An normalen Tagen herrscht bei Ebbe in Ufernähe extremes Flachwasser vor – bei side-offshore Wind perfekt geeignet um Halsen zu lernen, zu heizen und um die neuesten Freestylemoves zu üben. Manchmal laufen zudem kleine Wellen mit großem Abstand und in richtigen Sets auf das Ufer zu – zu klein um unerfahrenen Surfern Angst zu machen, aber gerade groß genug, um als Rampen für Mini-Aerials und Goiter zu dienen. Weiter draußen wird die Bucht von einem Riff begrenzt, welches größere Wellen abhält und somit immer viel Sicherheit vermittelt. Das Riff geht einige 100m vor dem Ufer in Sandbänke über, auf denen richtig schöne sauber laufende Wellen im perfekten 90°-Winkel zum Wind brechen – toll um Springen zu lernen und um sich an das Wellenabreiten heranzutasten. Die Wellen sind dabei relativ harmlos, selten größer als 1,5m, wenig kraftvoll und brechen über Sand, so dass man sich um Materialbruch selbst nach Waschgängen normalerweise keine Sorge machen muss. Natürlich gibt es auch mal größere Tage, aber diese stellen eher die Ausnahme dar. Echte Wellenliebhaber werden den Spot daher vielleicht etwas zu langweilig finden, wer aber an den guten Ostsee-Spots oder an Binnenrevieren Spaß hat, findet hier wirklich tolle und sehr entspannte Bedingungen vor. Nur einen größeren Stehbereich gibt es nicht – bei Ebbe reicht dieser noch ca. 50m ins Wasser, bei Flut hat man dagegen nur für wenige Meter Sand unter den Füßen. Einen nennenswerten Shorebreak gibt es an normalen Tagen nur an der Station von Keauli, wo grundsätzlich vielleicht etwas anspruchsvollere Bedingungen herrschen, man dafür aber eben auch ein bisschen mehr Welle finden kann. Voll ist es in Gostoso auf dem Wasser nie - 30 Leute gleichzeitig auf dem Wasser sind viel und wenn man relativ früh oder relativ spät draußen ist, hat man wirklich sehr viel Platz für sich alleine. Je weiter man von der Dr. Wind-Station in Richtung Keauli's Station nach Lee geht, desto leerer wird es zudem. Wenn man möchte, kann man sich problemlos einen Abschnitt suchen, wo man sich vor der Halse noch nicht einmal umschauen muss...  

Wer seinen Tagesablauf durch den Wind bestimmen lässt, erlebt in Gostoso einen sehr entspannten Urlaub. Dieser setzt sich nämlich normalerweise erst ab ca. 11 Uhr richtig durch und bläst dann in der Regel jeden Tag für Segel um 5,0 – 5,5qm für schwere Jungs und 4,2 – 4,5qm für leichtere Mädels. Damit ist er sicher eine Nummer schwächer als in Jeri, vielen Surfern dürfte dies aber eher entgegenkommen. Spätestens wenn man am dritten Tag morgens an den Strand kommt und sich schon wieder für das gleiche Segel entscheidet wie an den Tagen zuvor, denkt man sich so etwas wie „Täglich grüßt das Murmeltier“ oder „Same shit - different day“. Das Windsystem arbeitet in Gostoso so unglaublich konstant, dass man normalerweise während eines ganzen Urlaubs maximal 2 Segel und ein Freestyle- oder Freestyle-Waveboard benötigt. Wer sein eigenes Material mitbringt, kann hier wirklich ein kleines Paket schüren und trotzdem an jedem Tag mit passendem Equipment auf dem Wasser sein. Ungefähr gegen 16 Uhr, wenn die Sonne etwas Kraft verliert, lässt auch der Wind langsam nach. Abends ist es häufig nahezu windstill, so dass man gemütlich lange in der Hängematte liegen und an seinem Apacaxie-Saft nuckeln kann, ohne dass es kalt würde. Entspannter geht es kaum – vor allem weil man sich fast 100% sicher sein kann, am nächsten Morgen am Strand bei der Segel-Wahl wieder ein Déjà-vue-Erlebnis zu haben...  

Reise-Infos:

Beste Reisezeit: Spätsommer bis Frühjahr, also ca. Ende August bis Anfang März. Die windschwächsten Monate sind April bis Juni. Lycra Shirts reichen aus, Neos sind überflüssig. Man kann in Gostoso zudem problemlos barfuß surfen.  

Anreise:

Flüge am Besten mit TAP Air Portugal, via Lissabon nach Natal. Die TAP nimmt Windsurfgepäck zu relativ günstigen Konditionen mit, verlangt dafür aber einen Haftungsausschluß. Eine Reisegepäckversicherung ist dringend zu empfehlen!

Vom Flughafen Natal aus geht es ca. 1,5 Stunden mit dem Auto durch Brasilien – anders als an anderen Spots fährt man allerdings die ganze Zeit über geteerte Straßen und kommt so recht entspannt in dem kleinen Örtchen Gostoso an.

 

Unterkünfte:

Es gibt einige gute Angebot in Gostoso – entweder dicht an den Windsurfstationen oder dichter am Stadtzentrum. Hier ein paar Beispiele:

 

Mare Estrellas: Direkt an der Station von Keauli gelegen bietet diese Unterkunft kleine aber sehr nette Bungalows in einer riesengroßen Gartenanlage. Zum Wasser läuft man einfach einmal quer durch den Garten. Ein kleiner Pool und viele Tiere schaffen eine sehr nette Atmosphäre. Besonders knuffig sind die kleinen Affen, die sich sogar am Frühstückstisch füttern lassen. Das Restaurant ist super – auch wenn man woanders wohnt ein guter Tipp zum Abendessen. Nahezu alle Früchte für das Frühstück werden morgens im Garten gesammelt. Zur Dr. Wind Station läuft man gut 20 Minuten über den Strand. Achtung: Ohne ein paar Brocken Portugiesisch oder Spanisch dauert die Kommunikation hier etwas länger, mit Händen und Füßen kommt man aber immer irgendwie durch...

 

Villa Bacana: Am östlichen Ende und damit relativ mittig zwischen beiden Windsurfstationen gelegen, benötigt man vom Bett bis zum Brett ca. 10 Minuten zu Dr. Wind und ca. 15 Minuten zu Keauli's Station. Die Unterkunft ist sehr nett angelegt, bietet einen wunderschönen Pool und mehrere Appartementhäuser, jeweils mit einer Wohnung oben und einer Wohnung unten. Der Zimmerstandard ist gut, das Frühstück ein kleiner Traum, und der Inhaber ist super hilfsbereit, freundlich, und spricht zudem sehr gut Englisch. Alle möglichen Ausflüge, Buggy-Touren etc. können direkt über ihn gebucht werden.

Mi Secreto: Direkt neben der Dr. Wind Station von Paolo am Strand gelegen, bietet Mi Secreto im wahrsten Sinne des Wortes den Luxus, vom Bett aus direkt aufs Brett springen zu können. Blick aufs Meer und relativ hoher Standard, dafür aber auch ein relativ weiter weg bis in den Ort, wenn man abends unter Leute möchte oder auch mal außerhalb der Unterkunft Essen gehen will (was sehr zu empfehlen ist). Wer nicht zu Fuß laufen möchte, kann sich aber ein Moto-Taxi kommen lassen – mit 2 Reais ist das günstiger als eine Cola und zudem ein lustiges Erlebnis...

 

Ausflüge: Buggy-Touren entlang der endlosen Strände oder in Richtung Natal sind auf jeden Fall ein Erlebnis. Man kann sogar die eine oder andere Lagune entdecken und fantastische Freestyle-Bedingungen vorfinden. Geführte Buggy-Touren können z.B. Im Villa Bacana organisiert werden.

 

Buchungen bei den bekannten Windsurf-Reiseveranstaltern, z.B. bei der Surf&Action Company (www.surf-action.com)