Licht und Schatten in Cornwall, Oktober 2017

„Ein starker Sturm hat am Wochenende Überschwemmungen und Verkehrsbehinderungen in Teilen Irlands und Großbritanniens verursacht. Riesige Wellen überspülten am Samstag Küsten und Straßen. Die Behörden warnten die Bewohner und Touristen eindringlich vor Selfies am Meer. Bäume auf Gleisen behinderten Züge in Wales und Südengland. Auch Fähren mussten wegen des Sturms "Brian" den Betrieb einstellen. "Brian" entstand durch eine sogenannte Wetterbombe, wie britische Medien am Sonntag berichteten. Dabei führt ein ungewöhnlich schneller Luftdruckabfall im Zentrum eines Tiefs zu starken Winden. Die Böen erreichten Geschwindigkeiten von bis zu 130 km/h.“(spiegel.de, 22.10.2017)    

Das war mal eine Vorhersage für den Beginn unseres Cornwall-Trips. Am Samstag sollte Brian mit Südwest-Wind um 40-50 Knoten über den Ärmelkanal ziehen, um am Sonntag die deutsche Nordseeküste zu erreichen. Daher änderten wir die Planung für unsere Anreise, um die Vorboten des Sturmes in Wissant mitzunehmen. Dort bot sich ein beeindruckendes Bild – draußen tobte das Meer, aber in der Abdeckung unter Land war bei absolutem Hochwasser kaum ein Windhauch zu spüren. Auf dem Wasser war niemand, am Strand lag nur ein verwaistes 3,7er Segel, und so musste das Bauchgefühl über die richtige Segelwahl entscheiden. Ich entschied mich für das 4,0er. Im Uferbereich wirkte es wie ein Taschentuch, draußen wäre man aber über ein deutlich kleineres Segel glücklich gewesen. Im Mittel passte es somit. In Wissant bauen sich schnell große Wellen auf, die richtig viel Wasser mitbringen und ordentlich Wumms haben. Dementsprechend hatte ich ordentlich Respekt, erlebte aber gleichzeitig gleich zu Urlaubsbeginn eine wirklich gute Session mit ordentlichen Backloop-Rampen und kam nach 2 Stunden voller Adrenalin zurück an den Strand. Entspannt war die Session nicht – zu den relativ heftigen Bedingungen kam noch eine satte Strömung hinzu – aber alles in allem ein Auftakt nach Maß, wie er kaum besser sein könnte.    

Wenn man im Spätherbst nach Cornwall fährt, geht man natürlich von einer guten Windausbeute aus. Wie sollte es im Herbst anders sein? Was in Wissant auf dem Wasser noch für Glücksmomente sorgte, wurde auf der Fähre von Calais nach Dover eher zu einer Geduldsprobe. Aufgrund des hohen Wasserstandes und der Wellen im Kanal konnten in Dover weniger Fähren abgefertigt werden als normal. Daher kamen nach ca. 1:30 Stunden unruhiger Überfahrt noch 2 Stunden Wartezeit vor Dover hinzu, bevor unsere Fähre endlich festmachen konnte. Andere Passagiere mussten bis zu 4 Stunden vor Dover warten. Beeindruckend, dass bei dem Sturm überhaupt noch Fähren ablegen konnten. 

Sturm Brian zog aber genauso schnell wieder vom Ärmelkanal ab wie er gekommen war – und so blieben am Sonntagmorgen nach einer langen Fahrt und einer sehr kurzen Nacht nur noch Nordwestwind für 5,2er Segel und kleine Wellen in der St. Yves Bay übrig. Immerhin, für ein paar schöne Sprünge reichte es bis zum Mittag, und obwohl die Wellen am Bluff relativ klein wirkten, hatten Sie doch beeindruckend viel Kraft und forderten unter anderem ein Mastopfer von Surf-Kumpel Max, der auch noch den ersten Tag in Wissant verpasst hatte. Naja, es war der Mast für das 5,3er und 5,9er, und das große Zeugs wollten wir ja ohnehin nicht so viel benutzen – im Herbst in Cornwall...

Gleich am nächsten Tag allerdings wäre das 5,9er Segel von Max Gold wert gewesen. Am Montag zeigte die St. Ives Bay wellentechnisch ihr volles Potential. Große, saubere Wellen donnerten schon morgens an den Strand und die wenigen Windsurfer vor Ort waren wohl fast vollzählig am Gwithian Beach versammelt. Der Wind wehte schräg ablandig von links, allerdings nur mit vielleicht 5-8 Knoten. Angesagt war eigentlich deutlich mehr Druck, so dass sich fast alle mit ihren größten Segeln und hochmotiviert in die Fluten stürzten. Was sich auf dem Parkplatz ca. 15m über dem Strand noch surfbar anfühlte, zeigte sich am Wasser aber als eine echte Herausforderung. Beim Rauseiern durch das Weißwasser wurde fast jeder ohne Druck im Segel schon von den kleinsten Schaumwalzen abgeräumt. Spätestens in der Brandungszone war fast immer Schluss und kaum jemand schaffte es einmal rauszukommen um die glatten und kraftvollen Wellen zu genießen. Ich hatte in zwei Sessions und in ca. 4,5 Stunden vielleicht ein Dutzend Mal Glück und konnte mich raus mogeln, während einige andere den ganzen Tag lang nur vermöbelt wurden und teilweise keine einzige Welle abbekamen. Mein mit 83l relativ großes Board war ein absoluter Vorteil in diesen Bedingungen. Draußen erlebte ich dann die größten und besten Wellen seit langem. Wenn man allerdings auf dem Weg nach draußen weniger Glück hatte, endete das Unterfangen oft mit langen Schwimmeinlagen und ordentlich Materialbruch. Selten habe ich intensivere Vollwaschgänge erlebt. Entsprechend wurde der Schrotthaufen am Parkplatz bis zum Nachmittag immer größer. Glücklicherweise bin ich davon verschont geblieben und kann so auf einen der besten und beeindruckendsten Windsurftage der letzten Jahre zurückblicken. Cornwall im Herbst – es könnte kaum besser sein.

Nach dem stürmischen und wellenreichen Auftakt kam allerdings erstmal die große Ruhe. Am Montagabend verabschiedete sich der Wind vollends und die Vorhersagen sahen erschreckend mau aus. Immerhin, der Swell blieb und versorgte uns eine Woche lang mit teilweise richtig guten Wellenreitbedingungen. In der St. Yves Bay kann man sich die Wellenhöhe fast aussuchen – in Richtung Gwithian werden die Wellen immer größer und sauberer, im etwas geschützten Westen der Bucht am Bluff oder in Mexicos sind die Bedingungen einfacher, die Wellen brechen dichter am Strand, erlauben dafür aber auch zumeist nicht mehr die ganz langen Wellenritte. Für Anfänger und Fortgeschrittene findet sich so fast immer ein passender Spot, den man sich mit Glück nur mit wenigen anderen Surfern und ein paar Robben teilen muss. Wie gesagt, Cornwall im Herbst... ein Traum! 

Gegen Ende der ersten Woche wurde der Swell allerdings immer kleiner und Wind war weiterhin nicht in Sicht. Nach unserer letzten Wellenreit-Session am Samstagmittag kam in der Nacht mein Reise-Buddy Chris an. Und pünktlich mit seiner Ankunft hatte sich das Thema Wassersport endgültig erledigt. In den nächsten Tagen bewegte sich kein einziges Blättchen und der Atlantik lag platt vor uns wie ein Ententeich. Erstaunlicherweise sah es wenige Hundert Kilometer weiter östlich komplett anders aus:    

„Sturmtief Herwart, das am 28./29. Oktober mit Orkanböen insbesondere über dem Norden und Osten Deutschlands wütete, war bereits der dritte Herbststurm des Jahres (nach Sebastian Mitte September und Xavier Anfang Oktober). Auch in Nachbarländern, wie Dänemark, Polen, Tschechien und Slowakei traten Windböen bis Orkanstärke auf. An Nord- und Ostsee wurde jeweils eine Sturmflut ausgelöst. Umgestürzte Bäume und Überflutungen führten zu zahlreichen Sachschaden und Verkehrsbehinderungen sowie Stromausfällen, sowohl in Deutschland als auch in Nachbarländern wie Polen und Tschechien. Mehrere Menschen wurden Opfer des Sturms.“ (Quelle: dwd.de)     

Während wir in Cornwall bei schönem Wetter in absoluter Flaute saßen, lasen wir ungläubig bei Facebook und auf den Windsurfseiten von fantastischen Tagen an Nord-und Ostsee, nur wenige Kilometer von unserer Heimat entfernt. Da fährt man fast einen kompletten Tag mit dem Bus quer durch Nordeuropa, und an der heimischen Ostsee steppt der Bär dermaßen, dass man sich fast nach Hause wünscht. Etwas frustrierend waren die Tage schon, auch wenn die Flaute die Gelegenheit gab, den südwestlichsten Zipfel Englands wandernd zu erkunden und zu entdecken. Die Küste Cornwalls ist beeindruckend wild und schön und gleichzeitig sehr abwechslungsreich. Zudem führt ein kompletter Wanderweg rund um Lands End, so dass man sich überall problemlos auf eigene Faust auf Erkundungstour begeben kann. Natürlich gibt es reichlich Wanderführer, aber eigentlich reicht Google Maps vollkommen aus. Allerdings sollte man die Touren vorab planen, denn gerade in Richtung Lands End gibt es häufig keinen Handyempfang, so dass die Navigation vor Ort meist am besten mit einer einfachen analogen Karte funktioniert. 

Am Mittwoch der zweiten Woche kam noch einmal Hoffnung auf – die Vorhersagen versprachen ca. 20 knoten aus Nordwest. Als wir früh am Morgen in Gwithian ankamen, hatte sich die Hoffnung aber schon wieder zerschlagen. Es wehte nur eine leichte Brise mit vielleicht 10 Knoten platt auflandig. Die Wellen waren zudem maximal knöchelhoch, so dass wir uns entschieden, an das Sithians Reservoir zu fahren. Dieser See liegt etwa 40 Minuten östlich von Hayle und soll angeblich immer etwas mehr Wind abbekommen als die Strände an der Küste. Tatsächlich zeigten Sich auf dem See vereinzelt kleine Schaumkrönchen und es war Max, der als erstes das 6,4er aufbaute um „etwas herumzueiern“. Ich konnte Max natürlich nicht alleine aufs Wasser gehen lassen, und wider Erwarten nahm der Wind noch so weit zu, dass es zumindest für eine Freestyle-Session mit dem 5,6er gereicht hat. Die Bedingungen wurden noch so gut, dass selbst unsere Mädels sich zu einer kleinen Runde auf dem See überreden ließen. An der Küste ging hingegen den ganzen Tag über nichts. Lake Sithians scheint tatsächlich für Schwachwindtage eine sinnvolle Rückfalllösung zu sein. 

Nach 10 Tagen ohne Wind, abgesehen von der einen Freestyle-Session, hatten wir fast die ganze Küste westlich von St. Yves und Penzance abgewandert und viele schöne Eindrücke gesammelt. Aufgrund des Windmangels entschieden sich Max, Elena und Chris für eine Abreise bereits am Freitag. Chris hatte bis dahin kein einziges Mal sein Material zu Wasser gelassen oder den Neo nass gemacht. Das haben wir in all den Jahren und bei den Trips rund um den Globus auch noch nie erlebt. Wir waren auch hin und her gerissen, entschieden uns aber zu bleiben und den Urlaub bis zum Ende zu genießen. Und plötzlich zeichnete sich ein kleiner Hoffnungsschimmer am Horizont ab. Windfinder meldete 15 Knoten Wind aus NNW am Samstagmorgen. Die Richtung ist die Schlechteste, die man in der St Yves Bucht bekommen kann – aber die Aussicht auf eine abschließende Session mit etwas Welle lockte uns trotzdem noch einmal am frühen Morgen an den Strand. Es sollte sich lohnen - der Wind reichte sogar für den Freestyler mit dem 5,2er. Innerhalb kürzester Zeit bildeten sich auch wieder 1-2m Welle, so dass zumindest noch mal ein paar schöne Sprünge drin waren.    

Insgesamt bleibt nach diesem Trip der Eindruck von Licht und Schatten – einerseits hatten wir ein paar außergewöhnliche Windsurf- und Wellenreitsessions, andererseits war die Ausbeute insgesamt für Cornwall im Spätherbst schon enttäuschend. Zum Glück bietet die Gegend jede Menge schöner kleiner Örtchen und wunderschöne Landschaft, so dass wir den Urlaub auch an Land genießen konnte. Daher war es auch sicherlich nicht unsere letzte Reise an das wunderschöne Ende der Welt.