Adventure-Trip to Marokko - oder "Rumba in Casablanca"

Im Reiseprospekt der Surf&Action Company steht: „Dakhla ist ein Abenteuertrip…“ Und damit wird nicht zuviel versprochen. Allerdings hätten wir uns nie träumen lassen, auf welche Art unser Trip ins südliche Marokko zu einem Abenteuer werden würde… und was das mit Rumba in Casablanca damit zu tun hat, dazu kommen wir später…

Dakhla, ein kleiner Ort kurz vor der südlichen marokkanischen Grenze, hatte es uns auf Anhieb angetan. Alle Infos aus Prospekt und Internet versprachen einen sehr ursprünglichen, relativ wenig touristisch erschlossenen Spot in einer Flachwasser-Bucht. Vom Camp aus sind zudem innerhalb weniger Minuten per Jeep zwei nahegelegene Wavespots erreichbar, von denen zumindest einer wirkliches Potential hat. Zudem gibt es einen Speed/Freestyle-Spot der ganz besonderen Art – dazu später mehr. Die Kombination mit einer grandiosen Windstatistik für September und einem Camp mit einfachen Zelten und Bungalows, fernab vom Massentourismus, hatte uns sehr schnell überzeugt, dass wir uns diesen Ort einmal anschauen mussten. Und damit nahm unser ganz persönliches Abenteuer seinen Lauf…

Wer nach Dakhla möchte, der kommt im Prinzip nicht drum herum, sich in die Obhut der „Royal Air Moroc“ zu begeben. Die Airline ist im Prinzip nicht schlecht (wenn alles klappt), und befördert vor allem Windsurfmaterial zu sehr netten Konditionen. Soweit die Theorie…

Unsere Anreise alleine wäre es wert, in epischer Breite erzählt zu werden. Da wir aber über den Urlaub und nicht nur über den Flug berichten wollen, machen wir es so kurz wie möglich. Die Reise begann am Frankfurter Flughafen damit, dass unser Flug annuliert wurde. Pilotenstreik… per Bus ging es nach Düsseldorf, dort in den wartenden Flieger einer Slowakischen Airline, die sich in einem derart katastrophalen Zustand befand, dass man wirklich Angst bekommen konnte. Ohne Witz, die Kiste sah so alt aus, dass wir schon fast damit gerechnet haben, selber in die Pedale treten zu müssen, damit sich das Ding in Bewegung setzen würde… Der Flug verlief aber sehr angenehm und der schlechte technische Zustand der Maschine wurde durch die hübschen Stewardessen mehr als ausgeglichen. In Casablanca angekommen war unser geplanter Anschluss natürlich längst weg. Wir wurden daher auf einen anderen Flieger umgebucht, der uns nach Laayoune bringen sollte, einem Ort ca. 600 km nördlich von Dakhla. Was dann auf dem Airport von Casablanca folgte, war nahezu unvorstellbar. Falsche Informationen, Chaos, ewige Verspätungen, verschwundenes Gepäck, das plötzlich und unerwartet an falschen Stellen wieder auftauchte… Die Wartezeit war mehr als unentspannt, aber letztendlich ging es nachts um 3 Uhr tatsächlich weiter. Dummerweise mussten wir aus der Maschine tatenlos zusehen, wie die Triebwerke nach dem Beladen angelassen wurden, wir losrollten und unser komplettes Gepäck samt Windsurfmaterial auf dem Rollfeld zurück blieb…

Nach der Ankunft in Laayoune ging es (ohne Gepäck) per Taxi (2 MB-8er von 1983) weiter. Die Dinger hatten über 800.000 km auf dem Tacho, stellten sich aber als treue und zuverlässige Vehikel heraus. Die Fahrer schafften es, uns die ca. 600 km mehr oder weniger in einem Stück bis nach Dakhla zu bringen, wo nach gut 20 Stunden Reisezeit endlich der entspannte Teil unseres Urlaubes begann.

Schnell waren die Bungalows bezogen und das nötigste an Utensilien besorgt, um den Urlaub trotz des fehlenden Gepäcks beginnen zu können – Shorts, Sonnencreme, Unterhosen, Zahnbürsten… alles lag ja noch auf dem Rollfeld von Casablanca – natürlich neben unserer gesamten Surfausrüstung. Mit den Ersatzklamotten am Leib wurde erst mal die Umgebung erkundet. Das Camp Attitude ist direkt am Fuß eines kleinen Berges errichtet worden und liegt so einigermaßen geschützt in dessen Windschatten. Der Ort strahlt eine unglaubliche Ruhe aus und besonders bei Sonnenuntergang kommt man sich vor wie in einer anderen Welt. Eine ganz besondere Begegnung kann man bei Ebbe im nassen Sand direkt vor dem Camp machen: hier tummeln sich, sobald das Wasser abgelaufen ist, hunderte und tausende Krebse – alle ca. 10 cm groß und mit einer beeindruckenden Schere bewaffnet, mit der sie drohend in der Luft herumfuchteln, wenn sie sich nicht schnell genug einbuddeln können. Die kleinen Kerlchen sind aber vollkommen harmlos und haben kaum Kraft in den Kampf-Armen. Mit etwas Glück sieht man auch mal Flamingos, die an der Wasserkante nach Futter suchen.

Nach dem wir die kleinen Naturwunder des Ortes bestaunt hatten, wurde es Zeit, sich dem eigentlichen Zweck unserer Reise zuzuwenden – dem Windsurfen. An dieser Stelle möchten wir uns ganz besonders bei den netten Mitarbeitern des Camps Dakhla Attitude und dem sehr hilfsbereiten und freundlichen Team an Ranjid’s Windsurf-Center bedanken. Wie selbstverständlich konnten wir Leihmaterial mitbenutzen, bis unser eigenes Zeug ankam. Da an der Station keine richtigen Freestyleboards verfügbar waren, dürfte ich sogar die privaten Boards der Surflehrer nutzen. Jungs, damit habt ihr uns den Urlaub gerettet!

Unser eigenes Material ist schließlich am 5. Tag unseres Aufenthaltes eingetroffen. Die Boardbags sahen aus, als ob sie in der Zwischenzeit als Tanzboden benutzt worden wären. Die Fußabdrücke auf den Taschen gaben uns arg zu denken. Wir erwarteten das Allerschlimmste, aber abgesehen von ein paar Dellen war zum Glück alles heil. Trotzdem konnten wir uns lebhaft vorstellen, wie am Airport von Casablanca das gesamte Gepäck auf einen Haufen geschmissen wurde und die Loader achtlos auf dem Material herumgetrampelt sein müssen. „Rumba in Casablanca“.. auf den neuen Boards… alles andere als eine schöne Vorstellung…

Letztendlich meinte es das Schicksaal aber gut mit uns und nach den ersten relativ lauen Tagen mit 5,9er Segeln drehte der Wind pünktlich mit der Ankunft des Materials richtig auf und wir konnten ab sofort täglich den Spot richtig genießen. Und das taten wir auch…

Dakhla bietet direkt vor dem Camp Attitude bei Flut einen sehr großen Stehbereich mit sandigem Untergrund. Es ist etwas choppy und direkt vor der Station ein kleines bisschen böeig, aber im Großen und Ganzen ist der Spot sehr einfach und angenehm zu fahren. Schuhe braucht man hier nicht – mit viel Pech kann man mal auf eine Muschel treten, ansonsten muss man sich sehr viel Mühe geben, um Steine o.ä. zu finden. Nur die ersten 2-3 Meter an der Wasserkante sind ein wenig pieksig… Bei Ebbe wird der Stehbereich etwas kleiner, man muss das Material ca. 100m zum Wasser tragen, aber die Bedingungen bleiben trotzdem relativ einfach und angenehm zu fahren.

Belohnt wird man in Dakhla ganz besonders, wenn man sich die Mühe macht, nicht nur direkt auf der Kabbelpiste vor der Station zu surfen. Schon der lange Halbwindschlag auf die andere Seite der Bucht lohnt sich. Hier findet man wieder einen sehr großen Stehbereich und relativ glattes Wasser für das Manöver, das sich perfekt zum Manövertraining eignet. Außerdem sind hier deutlich weniger Kitesurfer unterwegs. Nicht dass ich was gegen Kiter hätte – aber vor der Station wurde es teilweise schon etwas voll. Und da die Kiter deutlich in der Überzahl sind, ist es für die Windsurfer manchmal ganz empfehlenswert, einfach ein freies Plätzchen in Lee, Luv, oder auf der anderen Seite der Bucht zu suchen.

Wer mal eine halbe Stunde lang richtig Höhe knüppelt und sich in den Luv-Bereich der kleinen Bucht vorkämpft, wird mit deutlich glatterem Wasser belohnt, als direkt vor der Station. Freestyler kommen hier voll auf Ihre Kosten, aber auch Freerider dürften sich sehr wohl fühlen. Wer mit dem Höhelaufen noch Probleme hat, kann problemlos nach jedem Schlag an Land verschnaufen und auch mal ein paar Meter zu Fuß zurücklegen. Außerdem hat man die Möglichkeit, an kleinen Sandbuchten anzulanden, an denen man ganz alleine ist. Von hier kann man einerseits die Einsamkeit am Strand genießen und andererseits den anderen Surfern und Kitern entspannt zuschauen. Eine Pause, die sich lohnt.

Die wahre Perle Dakhla‘s ist aber der sogenannte Speed-Spot. Dieser Spot funktioniert nur bei Ebbe. Das ablaufende Wasser legt eine riesige, mehrere Quadratkilometer große Sandfläche frei, über die der Wind vollkommen ungebremst und unverwirbelt hinüber pfeifen kann. Netter Weise hat Allah hier ein Herz für Surfer gezeigt und ziemlich exakt im 90°-Winkel zur Windrichtung eine Kante in den Sand gehauen, an der der Strand steil abfällt. Das Tolle daran: Der perfekt ablandig wehende Wind ist super konstant, etwas stärker als an dem Spot vor der Station, und hat absolut keine Chance, das Wasser in irgendeiner Form in Falten zu legen. Ich habe noch nirgendwo auf der Welt so perfekte Bedingungen zum Freestylen gefunden. Wer hier surft und trainiert, wird unter Garantie sein Fahrkönnen steigern. Ich habe an jedem einzelnen Tag ein neues Manöver zum ersten Mal gestanden und meine SwitchStance-Quote deutlich gesteigert. Auch Aufsteiger verbessern sich hier wie im Labor – so lernte meine Freundin an einem Tag die Halse auf der schlechten Seite, am Folgetag fuhr sie ihre ersten Duckjibes und am dritten Tag begann sie, 360er zu üben.

Zum Speed-Spot gelangt man allerdings nicht ohne etwas Mühe. Geübte Surfer können den Weg übers Wasser nehmen. Hier muss man eine lange Landzunge in Lee umrunden. Der Weg zum Speed-Spot nimmt dann ca. 20-30 Minuten in Anspruch. Alleine sollte man diese Tour aber nicht machen, da man sich relativ weit in Lee und deutlich außerhalb des Sichtbereichs der Station bewegt und bei Materialbruch komplett auf sich alleine gestellt wäre. Die sichere Alternative lautet: per pedes. Der Fußmarsch über den nassen und matschigen Sand dauert von der Station aus gut 30 Minuten – mit Material unter dem Arm. Besonders der Rückweg ist richtig anstrengend, wenn man sich vorher auf dem Wasser verausgabt hat. Aber: Die Strapaze lohnt sich! Abgesehen von den tollen Bedingungen ist es am Speed-Spot meist auch noch ziemlich leer. Wer möchte findet immer einen mehrere 100m langen Abschnitt, an dem man vollkommen alleine surfen und trainieren kann, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. Ich würde ein Königreich dafür geben, hätte ich so einen Spot vor der Haustür…

Ein weiteres Highlight Dakhla’s sind die Ausflüge in die Welle. Die Surflehrer an der Station organisieren gerne einen Transfer. Der Fahrer Tarik hat sich mit seinem knallgelben Defender auf Windsurf-Safaris spezialisiert und bringt einen samt Material an die guten Wavespots an der Atlantik-Küste. Oum Labouir ist weltbekannt und bietet als Spot sehr viel Potential. Allerdings muss es in Dakhla aus allen Rohren für kleine Segel feuern, damit man in der Welle mit dem 5,3er oder dem 4,7er gut fahren kann. Wenn ein solcher Tag dann noch mit einigermaßen großem Swell zusammentrifft, kann man hier epische Bedingungen vorfinden. Der Wind weht sideoff von rechts, die Welle hat Druck, aber keine zerstörerische Kraft. Wer sicher fahren, halsen und wasserstarten kann, kann sich hier bequem an die Königsdisziplin des Windsurfens herantasten. Wer richtig gut unterwegs ist, findet hier an den großen Tagen die perfekte Welle. Und das nur 25 Minuten vom Camp entfernt…

Wer also etwas Mühe nicht scheut, der findet in Dakhla einen echten Multispot. „Normale“ Freeride-Bedingungen direkt am Camp, perfekte Freestyle-Bedingungen mitten in der Wüste und entspannte, wunderschöne Wellen für den kleinen Ausflug zwischendurch. Und das Ganze mit einer Windstatistik, die im europäischen Herbst seines gleichen sucht.

Wenn man zusätzlich noch etwas Glück mit den Flügen hat, erreicht man den Süden Marokkos zudem relativ schnell und unkompliziert, um hier sein ganz persönliches Windsurfabenteuer zu erleben. Und ganz ehrlich – das Dakhla Camp Attitude ist sicher kein Robinson Club, aber Unterkünfte und Verpflegung sind so gut, dass man sich sehr wohlfühlen und den Urlaub richtig genießen kann – zumindest wenn man etwas Abenteuerlust mitbringt und nicht die Ansprüche eines 08/15-Pauschaltouristen hat.

Tipps für den kleinen Abenteuertrip nach Marokko:

-          Windsurfgepäck gut schützen und das Bord am besten in einer Boardbag in die Boardbag packen, und das Ganze noch mit Folie auspolstern. Schonenden Umgang mit den Boards braucht man bei der Reise nicht zu erwarten

-          Eine Reisegepäckversicherung macht absolut Sinn – vor allem wenn man eigenes Material mitnehmen will

-          Unterwäsche, Shorts, T-Shirt und Zahnputzzeug zumindest für 1-2 Tage gehören dringend ins Handgepäck – für alle Fälle

-          Einigermaßen gute Französisch-Kenntnisse helfen in Marokko ganz unglaublich – vor allem am Flughafen. Englisch geht manchmal ein bisschen, Deutsch bringt eigentlich nix…

-          Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten das mal Flaute herrscht, ist ausreichend Lesestoff empfehlenswert. Viele Alternativen zum Windsurfen bietet Dakhla nicht.

 

Text: Flo Soehnchen / Pics: Valerie Luther, Flo Söhnchen