El Yaque, April/Mai 2008

Past, Present and Future

El Yaque… der Name klingt wie Musik in den Ohren eines jeden Freestylers. Der kleine Ort auf der venezolanischen Isla Margarita zieht Jahr für Jahr über die Wintermonate die Windsurf-Elite an, um hier für die neue Worldcup- und EFPT-Saison mit den besten Windsurfern der Welt zu trainieren. Die großartige Windstatistik in den Monaten April und Mai war Grund genug, mich zum zweiten Mal mit Unterstützung der Surf’n’Action-Company auf die Reise zu begeben, um Worldcupperin Yoli de Brendt und ihren Mann Tom – seines Zeichens Sportfotograf, Wahl-Venezolaner und gleichzeitig Manager Gollito Estredo´s und Yoli de Brendt´s – zu besuchen. Tom hatte mir im Vorfeld versprochen, dass die Isla Margarita mehr zu bieten habe als nur den bekannten Spot in El Yaque – das wollte ich mir genauer anschauen.

Angekommen am internationalen Airport von Porlamar wurde ich aufs herzlichste von Tom und Yoli begrüßt. Auf dem Weg zum Wagen hatte ich das Gefühl, mir würde ein Föhn ins Gesicht gehalten – und das spät abends gegen 9 Uhr, als es bereits lange dunkel war. Spätestens jetzt war die Vorfreude auf die anstehenden Tage im Paradies und die folgenden Windsurfsessions nahezu unerträglich. Wäre ich nicht vom Flug so geschlaucht gewesen, hätte ich vermutlich gleich am Abend noch meine Segel aufgebaut und startklar gemacht…

Der erste Tag startete planmäßig und so, wie sich El Yaque auch in den letzten Jahren präsentiert hat. Luft und Wassertemperaturen machen das Tragen jeglicher Neoprenkleidung nahezu unmöglich, der Wind beginnt schon am Morgen, nimmt im Tagesverlauf in der Regel aber deutlich zu und erreicht am frühen Nachmittag seine volle Stärke. Die Palmen am Strand bilden eine unglaublich schöne Kulisse und an guten Tagen können die Wasserfarben ein typisch karibisches türkis-blau erreichen. Am Haupt-Spot El Yaque ist der Wind in der Regel etwas böig und das Wasser bildet gerade bei 4,2er-Wind eine sehr kabbelige Piste, wodurch man einerseits immer wieder kleine steile Rampen zum Springen findet, andererseits aber auch gut gefordert ist, um die Kontrolle über sein Material zu behalten. Trotzdem ist El Yaque das Top-Trainingsrevier für die besten Windsurfer der Welt geworden – was neben den Temperaturen wohl vor allem an der Beständigkeit liegt, mit der der Passatwind den Spot beglückt. Neben El Yaque gibt es auch noch einige andere Spots auf der Isla Margarita, beispielsweise den Stadtstrand in Porlamar mit teilweise recht großen Wellen bei Side-Onshore-Bedingungen, oder Punta Caneira, ca. 5km südlich von El Yaque, wo man wunderbare Wave-Freestyle-Bedingungen vorfindet, vor allem wenn es in El Yaque für kleinere Segel bläst. Etwas abgelegener ist der Strand in La Restinga, der besonders dann eine Alternative darstellt, wenn es in El Yaque zur Hochsaison sehr voll wird. Für den Autofahr-Willigen Spot-Explorer finden sich also neben der Kabbelpiste in El Yaque einige Ausweichmöglichkeiten, so dass keine Langeweile aufkommt, auch wenn man längere Zeit auf der Isla Margarita weilt. Übers Wasser erreichbar ist eine Lagune, etwa 2-3 km in Lee vom Hauptspot. Vor der Lagune findet man bei schräg ablandigem Wind Manöver-Bedingungen wie in einem Labor vor. Ich kenne keinen Spot auf der Welt, wo man so gut neue Moves trainieren kann, wie hier. Allerdings muss man dafür einen etwas fauligen Geruch in Kauf nehmen, der aus der Brühe in der Lagune kommt und einem über die Sandbank ins Gesicht weht… Über die Herkunft dieses „odeurs“ macht man sich besser keine tiefer gehenden Gedanken…

Deivis Paternina
Deivis Paternina

Das bis hier über El Yaque Geschriebene dürfte fast jedem ambitionierten Windsurfer bekannt sein. Was aber spielt sich sonst so in dem Land ab? Wie sieht das Leben der Venezolaner vor Ort aus? Wohin führt der politische Kurs des sozialistischen Diktators Chavez? Diese Dinge wollen wir ein bisschen ausführlicher beleuchten und dabei ein paar Anekdoten berichten, die einem Europäer wahrscheinlich etwas venezolanisch, oder… spanisch vorkommen werden…

El Yaque ist sicher der Ort auf der Welt, der die meisten Weltklasse-Freestyler in den vergangenen Jahren hervor gebracht hat. Allen voran natürlich Ricardo Campello, Gollito Estredo, Cheo Diaz, aber auch Diony und Collete Guadagnino sind Namen, die noch lange in den Köpfen der Freestyle-Welt verankert bleiben werden. Und auch die deutschen nationalen Freestyle-Helden André Paskowski und Normen Günzlein sind in den vergangenen Jahren während des Wintertrainings in El Yaque zu dem gereift, was sie heute sind.

Abgesehen von unseren Superhelden ist die Isla Margarita aber auch für die legendäre Semana Santa, die Osterwoche, bekannt. Dann tummeln sich seit einigen Jahren die Schönen und die Reichen Venezuelas an dem kleinen Sandstrand und veranstalten eine Art Kampf-Trink-Gelage am Playa El Yaque, das alles in den Schatten stellt, was man aus Europa kennt. Morgens kommen ganze Familien – männliche Mitglieder zumeist übergewichtig, die weiblichen meist eher schlank und mit unglaublich vergrößertem Vorbau (der Beiname El Yaque´s „Silicon Valley“ kommt in dieser Zeit nicht ohne Grund) – mit großen Kühlboxen an den Strand und gehen erst wieder bei Einbruch der Dunkelheit – vorausgesetzt die Inhalte der Kühlboxen sind dann leer getrunken. In den Feiertagen kann es sogar mal schwierig werden, mit Windsurfmaterial überhaupt zum Wasser zu gelangen.

Kommen wir noch einmal zu den weiblichen Familienmitgliedern zurück… einige der Venezolanerinnen sind tatsächlich bildschön und sehr nett anzuschauen. Venezuela wird dem Ruf als „Land der Mandelaugen“ definitiv gerecht. Eher Geschmackssache sind im Gegenteil dazu die Folgen des Schönheits-OP-Wahns. In kaum einem anderen Land der Welt werden so viele Brustvergrößerungen vorgenommen wie in Venezuela. Derartige OPs sind hierzulande sehr günstig und weit verbreitet. Gerüchten zufolge bekommen 16 bis 18-jährige Mädchen solche „Verschönerungsmaßnahmen“ teilweise von ihren Eltern zum Geburtstag geschenkt… was bei jungen Mädchen manchmal ja noch ganz nett aussieht, wirkt zumindest bei reiferen Frauen extrem aufgesetzt und unnatürlich. Aber anscheinend gibt es ja ausreichend Menschen, die darauf stehen… Naja…

Weg von den Menschen bietet die Isla Margarita eine unglaublich schöne und abwechslungsreiche Landschaft. Von Palmen am weißen Sandstrand im Norden der Insel, über Mangrovenwälder im Süden und Westen, bis hin zu vertrockneten Salzseen auf der Halbinsel Macanao findet man alles, was man sich vorstellen kann – natürlich ständig gepaart mit einem fantastisch blauen Himmel. Die Natur hat in Ihrer Vielfalt daher schon häufig als Kulisse für Filmaufnahmen herhalten müssen und erfüllt alle Klischees, die man aus unzähligen Hollywoodstreifen mit Latino Touch im Kopf hat.

Viele Dinge der letzten Jahre haben sich in Venezuela oder besonders auf der Isla Margarita nur wenig verändert. Einiges davon ist positiv, anderes eher negativ… Den Titel „Land der Schönheits-OPs“ hat sich Venezuela auch heute noch verdient. Nach einigen venezuelanischen Miss Universum und Miss World in den vergangenen Jahren, bekommen gerade junge Frauen ohne chirurgische Nachbesserungen kaum eine Chance auf einen besseren Job… und was zeichnet das Land heute noch aus? Als erstes zu erwähnen ist der nahezu unermessliche Reichtum an Erdöl. So versorgt Venezuela ca. 30% des Rohöl-Bedarfes der USA. Zudem gibt es noch immer unerschlossene Gebiete, in denen riesige Mengen Rohöl darauf warten, angezapft zu werden. Und dieser Reichtum an natürlichen Ressourcen gibt dem Präsidenten des Landes, Señor Chavez, eine unglaubliche Freiheit, zu tun und zu lassen, was immer er will. Vermutlich ist Venezuela damit das einzige Land der Welt, in dem der Sozialismus nicht aufgrund von wirtschaftlichen Problemen in absehbarer Zeit zum Scheitern verurteilt ist. Und die verfolgte Politik führt zu einigen merkwürdigen Situationen und Gegebenheiten… beispielsweise wenn man mit seinem Jeep an die Tankstelle fährt und die Kiste vollblubbern lässt. Anschließend wird man dann gebeten, ca. 70 Cent (!) zu zahlen… der Liter kostet weniger als 2 Euro-Cent… unvorstellbar nach den letzten Spritpreiserhöhungen in Europa…Kein Wunder das in Venezuela mehr SUV´s über die schlechten Straßen cruisen als anderswo.

Auf der anderen Seite wird das Land wirtschaftlich von der Außenwelt abgeschottet und Unternehmen wird der Handel mit anderen Ländern stark erschwert oder sogar unmöglich gemacht. So sind jegliche Finanztransaktionen von und nach Venezuela unmöglich – auch für Unternehmen. Selbst innerhalb Venezuelas sind Banktransaktionen nur innerhalb einer Bank möglich. Sobald von einer zu einer anderen Bank Geld übertragen werden soll, muss dieses Bar abgehoben und neu eingezahlt werden. Internetbanking existiert nicht wirklich. Mit unseren europäischen Standards kommt man sich wirklich vor wie in einem anderen Jahrhundert… Im Gegenzug wird ein Mega-Einkaufszentrum nach dem anderen aus dem Boden gestampft, Autohäuser für Luxuskarossen eröffnet und Hotels wachsen in den Himmel.

Tom Brendt
Tom Brendt

Unternehmen werden verstaatlicht und wo noch ausländische Firmen ansässig sind, hält der Präsident aufhetzende Reden, in denen er der teilweise sehr ungebildeten Bevölkerung erklärt, dass die ausländischen Firmen Schuld an der Armut der Venezolaner sind, da Sie das Geld ansammeln, was eigentlich den Armen gehören würde. Als Folge kommt es immer wieder zu Aufständen in Venezuelas Hauptstadt Caracas, bei denen die Bevölkerung am liebsten Firmen und Geschäfte plündern würde.

Yoli de Brendt
Yoli de Brendt

Die wirtschaftliche Stärke und Unabhängigkeit des Landes hat für die Bevölkerung aber auch ein paar positive Seiten. Beispielsweise werden viele staatliche Kredite für Bauvorhaben oder auch für den Neukauf von Autos gewährt, die stark subventioniert sind und nur teilweise überhaupt wieder zurück gezahlt werden müssen. Und wo wir gerade bei den Autos sind: Die Chance, einen Seeigel oder einen Stein im Wasser zu finden, ist wahrscheinlich 1000-fach geringer, als die Gefahr, im Straßenverkehr ums Leben zu kommen. Der Fahrstil der Venezolaner ist mehr als gewöhnungsbedürftig, oftmals unberechenbar und teilweise einfach nur leichtsinnig. Unfälle sieht man auf den Schnellstraßen fast täglich und meistens erscheint es sinnvoller, das Fahren den angepassten einheimischen Taxifahrern zu überlassen, statt sich in den Städten selber ans Steuer zu setzen. Viele der alten abgewrackten Ami-Schlitten würden in Deutschland niemals auch nur auf den Vorhof des TÜV gelassen werden, und würden – wie das gesamte Land – einen neuen Anstrich gut vertragen können. Durch die staubigen und maroden Straßen, die von diesen alten Straßenkreuzern befahren werden, fühlt man sich teilweise wie auf einer Reise durch die Zeit…

Und was bekommt man in El Yaque oder auf der Isla Margarita von alldem zu spüren? Tatsächlich sehr wenig. Einige Anhänger des Präsidenten Chavez werden selbstbewusster aber somit auch gleichzeitig ignoranter und arroganter, was sich vor allem in Sachen Service und Freundlichkeit bemerkbar macht. Die steigende Kriminalität ist ein weiteres Problem, zumindest wenn man sich nicht an einige Regeln hält. Überfälle und Betrug sind aber weniger in El Yaque als vielmehr in den Städten zu finden, daher sollte man dort nicht allzu vielen Leuten vertrauen und für die Wege zwischen den Einkaufszentren und Discotheken ausschließlich auf die mehr als reichlich vorhanden Taxen zurückgreifen. Wenn man nicht komplett ignorant ist, wird man außerhalb der touristischen Orte seine Augen nicht vor der zunehmenden Umweltverschmutzung verschließen können. An den abgelegenen Stränden fliegen vor allem endlos viele Plastikflaschen und Tüten herum, die Müllkippe von Porlamar wird in regelmäßigen Abständen in Brand gesteckt, wenn sich die Müllberge zu hoch auftürmen. Dann zieht für mehrere Tage ein beißender Rauch durch die Straßen von Porlamar und die Rauchfahne ist über mehrere Kilometer sichtbar. Dunkle Wolken schweben über dem Windsurfparadies… In der Hauptsaison gibt es zudem manchmal Probleme mit dem Abwassersystem in den Hotelanlagen. Oftmals wird das Grauwasser nachts einfach auf die Straßen gepumpt. So häuften sich vor allem in Januar und Februar 2008 die Fälle von Krankheiten bei Touristen, die möglicherweise durch die schlechten hygienischen Zustände begünstigt wurden. In der Nebensaison war dies allerdings überhaupt kein Problem mehr.

Ein Urlaub auf der Isla Margarita wird zudem immer schwieriger im Voraus kalkulierbar, der offizielle Wechselkurs des Bolivar Fuerte zum Euro und Dollar ist seit zwei Jahren festgelegt. Da aber die meisten Shops und Hotels mittlerweile eher den wesentlich höheren und sehr stark schwankenden Schwarzmarkt-Kurs als Basis für ihre Kalkulationen hernehmen, können sich Preise extrem schnell ändern. Die von europäischen Reiseveranstaltern angebotenen Hotels sind allerdings kaum davon betroffen. Dieser Schwarzmarkt-Kurs kann einem allerdings auch unerwartete Urlaubsfreuden bereiten, wenn man plötzlich fürs gleiche Geld doppelt soviele Cocktails am Strand schlürfen kann wie beim letzten Aufenthalt unter venezolanischen Palmen. Hierfür ist es sinnvoll, Euro oder Dollar als Bargeld in den Urlaub mitzunehmen und vor Ort in Hotels oder bei bekannten Taxifahrern zu tauschen.

Als Fazit könnte man sagen, das sich Venezuela auf einem nicht allzu positiven Kurs befindet, der normale Windsurf oder Kitetourist davon aber kaum etwas zu spüren bekommen wird. Für ihn werden gerade die Orte El Yaque oder San Pedro auf der Isla Coche weiterhin die Talentschmieden für kommende Windsurf Stars und die Heimat des karibischen Rhythmus bleiben, bei dem auch in Zukunft weiterhin in der Abendsonne zu Merengue und Salsa das Tanzbein geschwungen wird. Die Windstatistik spricht zudem für sich – in den 22 Tagen der Reise erlebten wir nur einen einzigen Tag ohne Wind und ich hab über 80 Stunden auf dem Windsurfboard gestanden – meist mit dem 5,3er oder dem 4,7er. Von spiegelglattem Wasser bis zu Wave-Freestyle-Bedingungen mit ca. 1 m Welle war alles dabei. Meine Sweatshirts und Jeans sind dank der unglaublichen Temperaturen unbenutzt wieder mit nach Hause geflogen und der innere Akku ist wieder soweit aufgeladen worden, um die nächste urlaubsfreie Zeit in Deutschland überstehen zu können. Die Windstatistik und die tropischen Wassertemperaturen sind sicher mehr als nur gute Argumente für eine Reise in eines der Windsurfparadiese der Erde – auch wenn nicht alles Gold ist, was glänzt… El Yaque – hasta pronto!

 

 

 

Text: © by Flo Söhnchen und Tom Brendt

Fotos: © by Tom Brendt und Flo Söhnchen