Gran Canaria, Juli 2011

"Life begins at 40 knots!"

Vermutlich jeder Windsurfer erinnert sich an die T-Shirts mit dem Aufdruck über die Windgeschwindigkeit, bei der das Leben erst richtig beginnt. Naja, für die meisten sterblichen Windsurfer unter uns endet das Leben wohl eher bei dieser Windstärke. Falls man wirklich herausfinden will, wie es sich bei 40 Knoten und mehr lebt und surft, gibt es einige Orte auf diesem Planeten für einen Selbstversuch.....

Pozo Izquierdo auf Gran Canaria ist einer davon, berüchtigt für seinen gnadenlos blasenden Passatwind während der Sommermonate. Es ist der Spot, an dem Windsurflegenden wie Björn Dunkerbeck, die Moreno Zwillinge und das neue deutsche Surf-Wunderkind Philip Köster aufgewachsen sind.

Aber wie ist es, an einem solchen Spot zu surfen, wenn man keine Surflegende ist, oder in orkanartigen Windstärken groß geworden ist? Wir wollten es herausfinden und in der Woche vor dem jährlichen PWA Worldcup dort surfen, uns mal unter die weltbesten Surfer mischen und hautnah erleben, was heutzutage an diesem Spot mit unserem Sportgerät so möglich ist.

Der erste Eindruck, den man beim Anflug auf Gran Canaria bekommt, ist nicht unbedingt ein besonders positiver. Die Insel sieht vom Flugzeug aus ziemlich staubig und steinig aus, nicht viel Grün, eher viele vom Wind zerfetzte Gewächshäuser, jede Menge Windkraftanlagen und der leicht erkennbare vulkanische Ursprung der Insel sind auszumachen.

Der erste Eindruck wird sich vermutlich auch nicht verbessern, falls Vargas der erste Stopp ist. Stell Dir einen Platz vor, an dem man Mondlandungen üben kann, mit vom Wind getriebenen Staubwolken, Steine, Steine und noch mehr Steine überall anstatt eines Sandstrandes... und jeder Menge nichts drumherum. Nicht gerade ein Spot für verwöhnte Surferfüße, selbst der Einstieg über die Steine im Shorebreak ist eine ziemliche Mission für sich. Speziell wenn die Steine noch leicht bemoost sind, dazu im Shorebreak ordentlich durcheinander kullern und der Wind versucht, einem das 3.7er aus der Hand zu rütteln. All das macht die Lage nicht gerade entspannter.

Es gibt nur ein Haus an diesem Strand, bewohnt von Philip Köster und seinen Eltern. Keine Frage, wer hier aufwächst, mit diesem Spot als täglichen Spielplatz, der kriegt eine Menge Übung in rauen Bedingungen... und das zahlt sich wie man sieht aus .

Ein paar Kilometer weiter in Lee ist die Szenerie ein klein wenig anders, an einem der vermutlich bekanntesten Starkwindspots der Welt. Ein Paar Häuser, architektonisch im Bunker-Stil gebaut, reihen sich an der felsigen Küste von Pozo Izquierdo aneinander, mit einer Arena-artigen Tribüne direkt vor dem Surfspot, die es einfach macht, das Geschehen auf der mit Schaumkronen gepunkteten Bucht zu verfolgen, speziell an den über ein flaches Riff brechenden Wellen am Ende der Bucht.

Die Woche vor dem PWA Worldcup garantierte für ziemlich abgefahrene Action auf dem Wasser, allerdings erinnerte das Surfen zu Stoßzeiten durch die trainierenden Profis ein wenig an den Timessquare in New York zum Jahreswechsel. Mit bis zu 60 Surfern, die alle mit voll Speed auf der Suche nach Wellen als Abschussrampe waren, mußte man wirklich in alle Richtungen Ausschau halten, inklusive über und unter einem selbst, um einen Crash zu vermeiden.

Während wir uns als Touristen gerade in den ersten Tagen etwas in Luv aufhielten, suchten die Einheimischen und Profis im praktisch halbtrockenen Bereich am Riff in Ufernähe nach den steilsten und fettesten Rampen...und zahlten von Zeit zu Zeit auch den Preis für die Risikobereitschaft. Falls man zum Beispiel Kauli Seadi fragte, ob er auch mal ordentlich gewaschen worden sei, bekam man ein tiefempfundenes „Oh yeaaaaah...“ als Antwort.

Auf der anderen Seite fühlte man sich die meiste Zeit mitten in ein Windsurfvideo hineinversetzt, während die Pros wie Philip Köster, Ricardo Campello, Marcelino Browne, Viktor Fernandez, Klaas Voget und viele mehr in alle Richtungen um einen herum und buchstäblich über einen rüber rotierten. Etwas, das ziemlich motivierend wirkte, wenn man sich erstmal an den Druck im 3.7er gewöhnt hatte.

Falls man eine Vorstellung davon bekommen möchte, wie windig es wirklich durchgehend ist, sollte man die Bar "El Viento" direkt vorne am Strand besuchen und sich die Fensterfront in Luv anschauen. Sie ist komplettt mit zerschellten Insekten bedeckt und sieht aus wie eine Windschutzscheibe nach einer langen Fahrt an einem Sommerabend.

Wohnen in Pozo ist daher wohl eher für die ganz Harten geeignet. Wir bevorzugten es, an einem weniger windigen Ort zu wohnen, um wenigsten Nachts etwas Ruhe zu haben. Wirklich erstaunlich ist, dass sich 10km im Süden oder im Inland nicht einmal ein Palmenblatt bewegt, während in Pozo der Wind Orkanstärke erreicht.

Die gute Nachricht: Man gewöhnt sich an alles, sogar an den Wind und die Steine am Strand, und wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, beginnt man zwangsläufig, sich in den konstanten Bedingungen zu verbessern und zu steigern, und schliesslich sogar richtig Spaß zu haben. Wir jedenfalls hatten mächtig Spaß, wechselten je nach Tide und Verkehr auf dem Wasser zwischen Pozo und Vargas, und bekamen so jeden Tag mehrere Sessions auf dem Wasser, sowie jede Menge blaue Flecken und Schwielen an den Händen. Als Nicht-Legenden zollten wir den Bedingungen Tribut und nach 7 Tagen Non-Stop Surfen mit unseren kleinsten Segeln hatten wir doch einige körperliche Probleme, unsere Boardbags für unsere Fahrt zum Flughafen auf das Dach unseres Mietwagens zu wuchten.

Beim Check-in bekamen wir einen kurzen Einblick in die andere Seite von Gran Canaria... wir trafen auf Busladungen voller Pauschaltouristen aus den riesigen Ferienanlagen im Süden. Einige beklagten sich lauthals über den Mangel an Aktivitäten in ihren Resorts, während wir uns angesichts dieser Beschwerden nur anschauten, mit einem Grinsen in den sonnenverbrannten Gesichtern....

Spotinfo

 

How to get there:

Ziemlich von überall geht es mit dem Flieger teilweise relativ günstig nach Gran Canaria. Man sollte sich wegen der Materialmitnahme nach den Bedingungen erkundigen.

 

Falls man in direkt Pozo wohnt, kann man einfach dort sein Material einlagern und zu Fuß zum Strand gehen. Wohnungen gibt es z.B. bei www.cutre.com

Materialmiete ist ebenfalls möglich, eine ziemlich perfekte Infrastruktur für Surfer findet sich vor Ort.

 

Beste Windzeit ist von Juni bis August. Bring einfach deine kleinsten Segel und irgendetwas zwischen Shorty oder 3/2 Kurzarm-Neopren mit. Schuhe sind angesichts der Steine am Strand und Seeigel am Riff durchaus empfehlenswert!

Pozo

Wahrscheinlich weltweit einer der besten Spots zum springen bei Sideonshore-Wind von links.

Zwischen Ebbe und Flut verändern sich die Wellen stark, am besten funktioniert der Spot zwischen Hochwasser und halber Tide.

 

Salinas

Etwas in Lee von Pozo, hinter der Landzunge. Besser geeignet zum Abreiten, aber braucht etwas Welle damit er funktioniert. Gebrochene Masten liegen am Strand in der Sonne...

 

Vargas

Side-Onshore-Bedingungen von links. Der Spot funktioniert am besten zwischen Ebbe und halber Tide. Bei Hochwasser brechen die Wellen direkt auf die Steine am Ufer, zum Wellenabreiten besser geeignet als Pozo, zum Springen dafür nicht ganz so gut, da die Wellen sehr dicht unter Land auf einer teilweise recht flachen Sandbank brechen.