Urlaub in der Sylt-See, November 2015

2015 war für ein anstrengendes Jahr – ein Haus-Sanierungsprojekt hat neben dem Job viel Kraft gekostet, und die Anzahl unserer Windsurftage über den Sommer drastisch reduziert. Umso mehr fieberten wir im Herbst dem geplanten Urlaub entgegen. Wir wollten nach Südfrankreich, in Richtung Marseille, um im November bei erträglichen Temperaturen noch etwas Sonne, ein paar Wellen und einige gute Tage auf dem Board abzugreifen. Kurz bevor es Ende Oktober losgehen sollte, zeigten Windguru und Co. aber absolute Flaute und starke Regenfälle für Südfrankreich an, und auch unsere Alternativ-Ziele Bretagne und Cornwall erschienen nicht sehr vielversprechend. Daher waren wir nicht ganz abgeneigt, als unsere Freunde Max und Elena vorschlugen, anstelle der langen Fahrt aus Kiel bis in den Süden einfach nach Sylt zu fahren, und dort auf der Insel ein paar Tage auszuspannen, Sport zu machen, und mit Glück noch den einen oder anderen Tag auf dem Wasser mitzunehmen. 

So ganz glücklich war ich mit dem Reiseziel eigentlich nicht – denn mit Sylt verbindet mich seit vielen Jahren eine echte Haß-Liebe. Während der vielen Jahre, in denen ich regelmäßig an DWC-Regatten teilgenommen habe, erlebte ich hier zwar ein paar gute, aber noch viel mehr weniger gute Tage. Ein paar ganz wenige positive Erinnerungen an side-bis side-onshore Wind von links und schöne 2 bis 3m Wellen geisterten in meinem Kopf herum. Aber diese Süd- bis Südwest-Tage sind eher selten auf Sylt und viel mehr als eine gute Hand voll solcher Tage habe ich bisher nicht mitnehmen können. Die meisten meiner Windsurf- und Regattaerlebnisse auf der Insel waren eher von Warten am Strand bei ablandigem Ostwind, mehr oder weniger Flaute und blauem Himmel (was auf Sylt noch ziemlich gut erträglich ist), oder von 6-8 Windstärken platt auflandig aus westlicher Richtung geprägt. Ein massiver Luvstau dicht an Land am Brandenburger Strand und die Sylt-typischen Steinbuhnen machen das Überwinden des oft großen und kraftvollen Shorebreaks dann häufig zu einer Mission, an der schon Worldcup-Fahrer gescheitert sind. Wenn man es bei den Bedingungen raus geschafft hat und nur eine Welle abreitet, findet man sich hinterher meist wieder mitten im Weißwasser und verbringt die nächsten 5 bis 10 Minuten damit, sich wieder hinaus zu kämpfen. Dazu kommen Erinnerungen an unangenehmen Kontakt mit den Buhnen nach Waschgängen, sowie an Unmengen von zerstörtem Windsurfmaterial, vor allem wenn nach einem Weststurm bei 15-20 Knoten Rest-Wind aus West mal wieder Slalomrennen angeschossen wurden. Das war bei den Regatten immer ein teures Vergnügen, und Spaß beim Windsurfen sieht definitiv anders aus... 

Aber was soll’s – die Aussichten auf ein paar entspannte Tage mit nur kurzer Anreise waren dann doch sehr verlockend, und so brachen wir Ende Oktober zu viert auf nach Sylt. Unser Basislager haben wir in einem schönen Reet-Häuschen in Wenningstedt aufgeschlagen – ideal, um mehr oder weniger alle Ecken der Insel in maximal 20 Minuten zu erreichen. Gleichzeitig ist die Gegend auf der Wattseite wunderschön zum Laufen und Wandern. Trotz der eigentlich ungünstigen Jahreszeit wurden wir von perfektem Herbstwetter empfangen. Auch die Temperaturen waren mit zumeist um 10 Grad noch recht angenehm und auch die Wassertemperaturen waren aufgrund des milden Herbstes im vergangenen Jahr noch ganz akzeptabel. 

Was in den nächsten Tagen folgte, übertraf unsere Erwartungen bei weitem. Volle 10 Tage lang gab es jeden Tag entweder gute Windsurfbedingungen mit Südwest-Wind und Welle auf der Westseite, Westwind zum Freestylen und Freeriden am Königshafen, oder Rest-Welle zum Wellenreiten. Immer wenn ein Tiefdruckgebiet durchgezogen war, erlebten wir ungefähr einen halben Tag, an dem wir an verschiedenen Spots nördlich von Westerland ein paar teilweise erstaunlich lange Wellen zum Surfen finden konnten. Natürlich ist der Beachbreak auf Sylt nicht Weltklasse, aber er reicht allemal aus, um mittelmäßig guten Wellenreitern viel Spaß zu bereiten. Und dieser wurde um so größer, wenn sich dann auch noch Robben im Wasser zeigten, die uns neugierig zuschauten. Bei einer dieser Sessions kam uns auch die Idee, nicht von der Süd-See, sondern fortan nur noch von der Sylt-See zu sprechen. Die Stunden auf dem Wasser machten diesem Titel alle Ehre. Und dank des milden Herbstes hatte man im Sonnenuntergang tatsächlich immer mal wieder das Gefühl, doch weiter weg zu sein, und nicht im November in der deutschen Nordsee herumzupaddeln.    

Nur ein einziges Mal trübte ein negatives Erlebnis den Spaß auf dem Wasser – als eine Welle etwas schneller zumachte als gedacht und ich einmal richtig in die Sylter Waschmaschine gekommen bin, hat mich irgendwie die Kante meines Wellenreiters erwischt. Noch während ich unter Wasser herumgewirbelt wurde, merkte ich, dass das Zusammentreffen nicht ohne Folgen abgelaufen war. Die Bilanz: Ein großer Blutfleck am Strand, eine Freifahrt mit Rettungswagen in die Klinik in Wenningstedt, einige Zahnarztbesuche, ein abgebrochener Zahn, lang anhaltende Kopfschmerzen und ein Tag Wasserpause, bevor ich mich wieder mit dem Freestyler aufs Flachwasser getraut habe. Der Sylter Shorebreak hat selbst an kleinen Tagen ganz schön Wumms, den man nicht unterschätzen sollte.

Windsurftechnisch wird uns dieser Trip jedenfalls in guter Erinnerung bleiben. Wir haben so richtig zu schätzen gelernt, wie gut Sylt sein kann, wenn man nicht wie bei Regatten auf einen Spot festgenagelt ist. So haben wir auf der gesamten nördlichen Inselhälfte vom Königshafen über den Strand am Bambus bis nach Kampen und Wenningstedt mehrere schöne Sessions mit guten Bedingungen zum Springen und zumindest teilweise schönen Wellen zum Abreiten mitnehmen können. Gerade an den nördlicheren Spots gibt es weniger oder zumindest nur kleinere Buhnen, was das Leben gerade bei Side-Onshore-Bedingungen enorm erleichtert. Und wenn man zusätzlich noch Lust auf Flachwasser hat, kann man im Herbst tatsächlich viele Stunden auf dem Board verbringen. Einzig das Licht ließ zum Fotografieren häufig zu wünschen übrig und brachte die Kamera an ihre technischen Grenzen – selbst mit sehr hohen Iso-Werten. Sylt im November ist dann eben noch nicht die Karibik... 

Die 10 Tage vergingen wie im Fluge – Aufstehen, Frühstücken, Wetter checken, eine Flachwasser-Session und vorher oder nachher noch mal Wellenreiten oder Windsurfen auf der Westseite und abends erschöpft aufs Sofa fallen – das war der normale Tagesablauf. An den wenigen Tagen, an denen wir „nur“ einmal im Wasser waren, blieb auch noch ausreichend Zeit, um die Insel zu entdecken und die teilweise wirklich wunderschöne Landschaft zu genießen. 

Der letzte Tag der Reise hielt dann noch einen besonderen Moment bereit. Während nachts ein ziemlich heftiger Sturm aus West Mülltonnen umgeweht und einige Äste abknickte, legte der Wind sich am frühen Morgen und drehte recht schnell über Süd auf Ost-Südost mit vielleicht 5 Knoten. Die Wellen blieben aber noch eine ganze Zeit lang erhalten, und brachen bei Niedrigwasser auf den äußeren Sandbänken vor Kampen, während die Wasseroberfläche von dem leichten ablandigen Wind platt gebügelt wurde. Was wir erlebten war ohne Zweifel meine bisher beste Wellenreitsession auf der Nordsee in perfekten Bedingungen – und wieder belgeitet von neugierigen Robben. 

Nach dem Urlaub steht für mich fest – Sylt kann wesentlich mehr, als ich aus meinen aktiven Regatta-Jahren in Erinnerung hatte. Wer ein bisschen Glück, einen Wellenreiter, ein Waveboard und einen Freestyler im Auto hat, kann auf der Insel auch in der kalten Jahreszeit mit einer ziemlich guten Ausbeute rechnen. Und das bei einer Anreise von weniger als 2 Stunden plus Bahnfahrt aus Hamburg oder Kiel. Ich zumindest freue mich auf den nächsten Besuch in der Sylt-See – und das war zu meinen aktiven Regatta-Zeiten nicht immer so.     

Text: Flo Söhnchen

Bilder: Valerie Luther / Flo Söhnchen